Anmerkungen zur Transkription:
Der Text stammt aus: Die neue Rundschau XXXIII (1922).S. 983–992.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurdenübernommen.
Erzählung von
FRANZ KAFKA
In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehrzurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartigeVorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heutevöllig unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sichdie ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertagstieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindesteinmal täglich sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welchetagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fandenBesichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; anschönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun warenes besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde;während er für die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sieder Mode halber teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenemMund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wieer bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen,sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmalhöflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch984das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen,dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte,nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die daseinzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mitfast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen GläschenWasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.
Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vomPublikum gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlichFleischhauer, welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten,Tag und Nacht den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nichtetwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme.Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur Beruhigungder Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstlerwährend der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen,selbst unter Zwang nicht, auch das Geringste nur gegessen hätte;die Ehre seiner Kunst verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächterkonnte das begreifen, es fanden sich manchmal nächtliche Wachgruppen,welche die Bewachung sehr lax durchführten, absichtlich ineine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich ins Kartenspielvertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine kleineErfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchengeheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstlerquälender als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; siemachten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal überwander seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er esnur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn verdächtigten.Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur überseine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viellieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten,mit der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten,sondern ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnender Impresario zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn garnicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht und ein wenig hindämmernkonnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auchim übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit