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Der Widerspenstigen Zähmung

von Karl Ettlinger

(Karlchen)

1919

Georg Müller Verlag München

Ich will es lieber gleich sagen, da es sich ja doch im Laufe derGeschichte herausstellt: Frau Borges war ein Drache. Keiner von denDrachen, die einen Goldschatz oder eine Jungfrau bewachen und diedadurch immerhin noch etwas Sympathisches haben, — nein, sie war einDrache ohne jede höhere Mission, ein Drache, dessen einziger Lebenszweckdarin bestand, ihrem Gatten das Dasein zu versauern.

Ihr habt gewiß schon den Drachen Fafner auf der Bühne gesehen? O was istdas für ein gemütlicher Drache! Er bewegt sich ein bissel auf derDrehscheibe, schlägt ein bißchen mit dem Schwanz um sich und speit einbißchen Feuer. Er kann an Frau Borges nicht tippen. Die fährt herum wieauf hundert Drehscheiben, schlägt um sich wie mit hundert Schwänzen, undmit ihrer Zunge versengt sie mehr gute Rufe als der Dilettant FafnerGräser und Kräuter.

Obendrein wird der Fafner, gottlob, von Siegfried #erschlagen#. Erstirbt bekanntlich an den Stabreimen, mit denen Siegfried ihnmißhandelt, und von denen der berühmteste lautet: »Eine zierliche Fressezeigst Du mir da!«

Das hätte einmal Herr Borges zu #seinem# Drachen sagen sollen! So vielDrachenschwänze gibt es gar nicht! Und Herr Borges war überdies allesandere eher als ein Siegfried. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, imWalde wilde Bären zu fangen (was ihm im Offenbacher Stadtwald auchschwerlich gelungen wäre), er schlug keine Ambosse entzwei, schmiedetekein Notung, und das Fürchten brauchte ihm nicht erst von einerBrünhilde gelehrt zu werden. Das Einzige, was Adolf aus dem GeschlechteBorges mit Siegfried aus dem Geschlechte Wälsungen gemein hatte, warendie treuherzigen blauen Augen.

Er sah mit diesen Augen so kindlich unschuldig in die Welt, daß sichjede Mücke sagte: »Der kann Dir nichts zu leid tun!«, und sich auf seineNase setzte.

Er war einer von den Gerechten, die viel zu leiden haben, denn ein gutesHerz ist wie ein rosiger Apfel, der in stiller Pracht am Baume hängt, —und nach dem deshalb alle bösen Buben mit Steinen werfen.

Die Statistik, die der Erzengel Gabriel im Auftrag des lieben Gottesführt, hat nachgewiesen, daß es auf Erden bedeutend mehr #böse# Bubengibt als gute. Und ich kann deshalb meinen Mitmenschen nur denwohlgemeinten Rat geben: »Wenn Du ein gutes Herz hast, so halte esgeheim wie einen Leberfleck, denn sonst prasselt es von allen SeitenSteine auf Dich!«

Auf das Heiligsein steht noch immer die Todesstrafe, und die Gutherzigenwerden noch immer mit Pfeilen beschossen wie Sebastian, gesteinigt wieStephanus oder geröstet wie Laurentius.

Das hatte auch Adolf Borges in den fünfzig

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