Friderike Maria Winternitz

Vögelchen

Roman

1919
S. Fischer, Verlag
Berlin-Wien

Erste bis achte Auflage.

Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung.
Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin.

Romain Rolland dankbarst
für viele Güte und Freundschaft

„Ich nenne sie deshalb Vögelchen, weil esetwas Reizenderes als Vögelchen nicht gibt.“

Dostojewski „Der Idiot“.

Fürsten der Erde und Sklaven, blutig gegeißelt,

Kamen wie Brüder zusammen im Dome unserer Andacht:

Den Friedenskuß brachten wir allen gezeichneten Stirnen,

Der Erde drückendste Träume wie heimlich Seufzen der Mutter waren uns verständlich

Und, wo sich abwandten unsere Brüder voll Grau’n, liebten wir noch.

Ottokar Brezina „Wahnbethörte“.

Kindheit

Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hauseeiner adeligen Dame, eine Ausstellung von Miniaturenstatt, in der besonders zwei Sammlungen, die AdalbertMannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs derMannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. ClemensUrbacher, Aufmerksamkeit erregten.

Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichenMannes, der sich sowohl Bestes als auch Reichhaltigkeitgönnen konnte. Sie unterschied sich wesentlich von derUrbachers, der als theoretischer Gelehrter über geringeEinkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nichtmehr als einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute.Seine Miniaturen waren mit Bedachtsamkeit ausgewähltund niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den derAnkauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen,für eine bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben,als Philanthrop fühlte er dies angesichts des menschlichenElends, der Spitalsnot, der wirtschaftlichen Wirren. Warer nun aber wahrhaftig solch ein Sünder, der vor einemElfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in einentschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten,skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauenvergessen konnte, so mußte Adalbert Mannsthal, trotzseiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel größererFrevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese verbleichendeKunst, die um so rührender ist, weil sie wohlauf immer der Vergangenheit angehört, war so groß,daß er ihr seine lebendige Frau geopfert hat, seine lieblicheund sanftmütige und noch jugendliche Frau. DieSache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht,denn das kleine Mädchen, das Frau MarthaMannsthal in die Ehe gebracht hatte, verblieb bei demStiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat einKontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella,das Kind, im Falle einer Scheidung, wie ein in der Ehegeborenes, dem schuldlosen Teile zugesprochen werdensollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die Beweggründedieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten.Die einen waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch dieFrau fester an sich binden wollte. Böse Zungen meintendarin ein Warnung

...

BU KİTABI OKUMAK İÇİN ÜYE OLUN VEYA GİRİŞ YAPIN!


Sitemize Üyelik ÜCRETSİZDİR!