Gottfried Keller

von

Ricarda Huch

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Im Insel-Verlag zu Leipzig

[Pg 3]Das von großen Mächten Deutschland, Österreich, Frankreich undItalien wie ein Edelstein eingefaßte Land Schweiz, zwischen unzugänglichhohe und mittlere Gebirge gelagert, die die Quellen starker Strömebergen, wird von einem Volke bewohnt, das wie kein anderes mit demBoden, aus dem es gewachsen ist, zusammenhängt und Herr in dem Hauseist, das es sich unter Kämpfen selbst gebaut hat. Von Fremden beneidetoder gehaßt, ist es seiner teils natürlichen teils absichtlichenZurückhaltung wegen wenig von ihnen gekannt und hat sich bis jetzt,obwohl beständig von Ausländern heimgesucht und selbst zum Zwecke desErwerbs und der Ausbildung viel im Auslande sich aufhaltend, in seinerausdrucksvollen Besonderheit erhalten.

Die Schweizer sind ein durchaus aristokratisches und konservatives Volk:vor allen Dingen die eigentlichen Aristokraten, Nachkommen derregierenden Geschlechter, aristokratischer als irgendwo, weil zugleichmit dem Bewußtsein der Überlegenheit durchdrungen und beseelt von demGefühl der Verpflichtung, den Tieferstehenden als Muster zu dienen; aberebensowohl die bürgerlichen Städter, deren Ahnen seit undenklicher Zeitjeder an seinem Teil an den allgemeinen und persönlichen Geschäftenmitwirkten und eine wohlerworbene Stelle in der scharfen Freiheit desGemeinwesens ausfüllten, wie schließlich die Landbewohner, die esüberall sind, die allerdings in den städtischen Kantonen durch ihrevergleichsweise rechtlose, untergeordnete Lage auf die demokratischeLinke gedrängt wurden.

Die Tugenden der Ausdauer, des Rechtsgefühls, der Sachlichkeit und derSelbstbeherrschung, die ihnen allein das Kleinod der Freiheit bewahrten[Pg 4]in den Zeiten, wo es die Völker ringsumher sich entwenden oderentreißen ließen, haben sich immer mehr befestigt, so daß der Ausländermit Staunen sehen kann, wie ein ganzes Volk trotz aller Abweichungen imeinzelnen, mit Vernunft und Besonnenheit handelt, den eigenen Vorteil,wie es sich gehört, im Auge behält, ohne unbillig gegen andre zu sein,mit sich selbst zufrieden, wie es die Art der Gesunden und Guten ist,doch geneigt von andern zu lernen. Elend und Verbrechen trüben dasschöne Bild nicht so, wie es in anderen Ländern der Fall ist, weil dieBeherrschung der Leidenschaften, die freilich in dem harten Lande auchnicht so hitzig sind wie anderswo, einen leidlichen allgemeinenWohlstand ermöglicht. So geschieht es, daß der Schweizer häufig vonAusländern wegen seiner Ungeschliffenheit verlacht wird, während er dochmehr Kultur hat als jene, insofern als er durch Jahrhunderte sich nacheinem bestimmten Ideale gebildet hat und nun im Besitze nichtblendender, aber humaner und erhaltender Eigenschaften ist.

Was nun die Nüchternheit betrifft, die dem Schweizer oft vorgeworfenwird, so ist diese allerdings vorhanden; aber man ist im Irrtum, wennman glaubt, deswegen könne die Schweiz keine Künstler hervorbringen. DieTrockenheit des Schweizers ist die des kindlich oder bäuerlichverschlossenen Menschen, in dessen Innern die Phantasie oft um sokräftiger glüht, weil sie nicht beständig nach außen verschwendet wird.Besonders aber sollte man endlich wissen, was die Romantiker untervielen Schmerzen an sich selbst erfuhren, daß künstlerisches Empfinden,Reizbarkeit und die Sehnsucht nach dem Schönen keineswegs denschaffenden Künstler machen, daß vielmehr, wie E. T. A. Hoffmann sagte,[Pg 5]dem künstlerischen Feuer eine gute D

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