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Die Richterin

Novelle

Conrad Ferdinand Meyer

Erstes Kapitel

"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Möncheauf Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel einesrömischen Märztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf dasKapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter derKaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen PapstLeo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang deshöchsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefeSpur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einersolennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin,beizuwohnen.

Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, während ein Gefolge vonHöflingen, die aus allen Ländern der Christenheit zusammengewähltePalastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb ausEhrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem günstigenAugenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen. Dievom Wirbel zur Zehe in Eisen gehüllten Höflinge schlenderten mitgleichgültiger Miene und hochfahrender Gebärde in den erlauchtenStapfen, die Begrüßung der umstellenden Menge mit einem kurzenKopfnicken erwidernd und sich über nichts verwundern wollend, wasihnen die Ewige Stadt Großes und Ehrwürdiges vor das Auge stellte.

Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem PlatzeKarl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. "Ich kann esnicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zubetrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet!Diese Züge müssen ähnlich sein."

Da flüsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: "Esist nicht Constantin. Das hab ich längst heraus. Doch ist es gut,daß er dafür gelte, sonst wären Reiter und Gaul in der Flammegeschmolzen." Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte demgroßen Kaiser ins Ohr: "Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel.""Wirklich?" lächelte Karl.

Sie gingen der Pforte von Ara Cöli zu, durch welche sie verschwanden,der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungenMenschen in rätischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand unddurch die ehrfürchtigsten Grüße seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte.

"Halt, Herren", rief einer der inzwischen bei dem Reiterbildeangelangten Höflinge und fing rechts und links die Hände der neben ihmWandelnden, "jetzt, da alles treibt und schwillt"—Erd- und Lenzgeruchkam aus nahen Gärten—, "will ich meinen Becher und was mir sonst liebist mit Veilchen bekränzen, aber keinen Weihrauch trinken, amwenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenkeentdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Wölfin. Das hatmir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bißchen den Reiter an undverduften dann in die Tabernen."

"Wer ist's?" fragte einer.

"Ein griechischer Kaiser"

"Den setzen wir ab"—

"Wie er die Beine spreizt!"—

"Reitet der Kerl in die Schwemme?"—

"Holla, Stallknec

...

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