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Aladdin und die Wunderlampe

Tausend und einer Nacht nacherzählt

von

Ludwig Fulda

Mit Bildern von Max Liebert

Berlin 1912


1

1.

K

Kommt, Kinder, faßt mich bei der Hand!

Ich führ' euch in das Morgenland

Und in sein Märchenparadies

Auf einem wohlbekannten Pfade.

Vor langen, langen Jahren wies

Ihn die berühmte Schehersade

Dem argen Sultan Scheherban,

Sodaß der greuliche Tyrann—

Weil ihre Kunst, in bunten Bildern

Ihm eine Zauberwelt zu schildern,

Unwiderstehlich ihn berauschte—

Vergessend Speis' und Trank und Ruh',

Ihr volle tausend Nächte lauschte

Und eine weitre noch dazu.

Von jenen köstlichen Geschichten,

Mit denen sie sein Ohr betört,

Will ich euch eine nun berichten;

Seid also mäuschenstill und hört:

In einer Hauptstadt fern im Osten,

So fern, daß nur mit viel Gefahr

Und ungeheuren Reisekosten

2Man ihr zu nahn imstande war,

Jedoch so reich an Herrlichkeiten,

Daß niemand ihresgleichen sah,

Dort lebte vor geraumen Zeiten

Ein Bürger namens Mustapha

Mit seiner Frau und seinem Sohn.

Sein Brot erwarb er sich als Schneider;

Sein Handwerk aber trug ihm leider

Trotz allem Fleiß nur magren Lohn,

Und knapp war drum bei ihm bemessen

Das Mittag- wie das Abendessen.

Den Sohn—man hieß ihn Aladdin—

Konnt' er nur mangelhaft erziehn;

So ward aus dem ein rechter Flegel,

Der gut tat, nur solang' er schlief,

Der schon frühmorgens in der Regel

Barfüßig auf die Gasse lief,

Sich dort herumtrieb nach Belieben

Mit andern kleinen Tagedieben

Und, bis ihm durch ihr Heer von Sternen

Den Heimweg zeigen ließ die Nacht,

Auf jeden Unfug war bedacht,

Sich aber sträubte, was zu lernen.

Der Vater hieb den Arm sich lahm,

Sah schließlich ein, mit solchem Rangen

Sei nichts Gescheites anzufangen,

Und wurde krank und starb vor Gram.

3Der Bursch, nun fünfzehn Jahr' schonalt,

Groß, schlank, fast männlich von Gestalt,

Statt auf die Hosen sich zu setzen

Für seiner Mutter Unterhalt,

Fuhr fort, auf öffentlichen Plätzen

Herumzulungern ohne Ziel

Und seine Tage zu vergeuden

In rohen Müßiggängerfreuden,

In plumpem Spaß und wildem Spiel.

Einst, als er in gewohnter Art

Sich raufte mit der Gassenjugend,

Merkt' er, daß eifrig nach ihm lugend

Ein fremder Mann mit schwarzem Bart

Und afrikanischen Gewändern

Ihm scheinbar im Vorüberschlendern

Sich näherte. Der Fremde blieb

Dicht vor ihm stehn und sprach: "Vergib,

Mein junger Freund, und laß mich wissen:

Wer ist dein Vater?" Aladdin

Versetzte: "Längst schon hat mir ihn

Des Todes rauhe Hand entrissen.

Im Leben hieß er Mustapha."

Die hellen Tränen rollten da

Dem Fremdling über beide Wangen:

"O Glück, daß ich, mein Sohn, dich treffe,"

Sprach er mit zärtlichem Umfa

...

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