Seefahrt ist not!

Roman
von
Gorch Fock

121.-130. Tausend

Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.

Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,

bleibt in euern Hütten, euern Zelten,

und ich reite froh in alle Ferne —

über meiner Mütze nur die Sterne.

Goethe.

Erster Stremel.

„Insonderheit aber bitten wir dich für die, die aufdem Wasser ihre Nahrung suchen. Segne, segne dieFischerei auf der See und im Fluß, behüte Mann undSchiff in allen Gefahren!“

Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer alszuvor. Da hatte er laut und warm für seinen alten Kaisergebetet, laut und warm, wie es ihm von Herzen kam,nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher Welfe,der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war:„Laß deine Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm,unsern Kaiser und Herrn, und über das ganzekaiserliche Haus.“

Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch,mit dem die Kanzel vom Sonntag Reminiszere bis zumstillen Freitag bedeckt war. Es schien, als wenn dieStimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und erhielt überwältigt inne und ließ die große Stille kommen.

Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder.Regungslos saß die Gemeinde. In die Augen kam eineDunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.

Und die See nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee— mit ihren jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrempfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen,schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten,mit Dünung und Gewitter, — mit geborstenenSegeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenenWracken und hilferufenden Fahrensleuten.

Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommenhätte.

Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben demAltar, die als große Schleefen zu den gegenübersitzendenKonfirmandinnen hinübergelacht und ihnen zugenickthatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände zusammenund sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stilledie Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußenwaren, und weil sie daran dachten, daß sie nach Osternselbst in die Fischerei hineinkamen.

Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Allefalteten rasch die Hände, und manches Kinderherz bebte— vergessen war, daß sie abends am Deich einzuhütenhatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern trommeltenund pfiffen, bis sie hineingelassen wurden undBlindekuh oder Sechsundsechzig mitspielen durften.

Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seitedes Eilandes, um die die Junggäste einander Sonntagabends auf Musik bannig in die Wanten stiegen, weilkeiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hausebringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzenKopf, nicht allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand,sondern auch um die Seefischerei, um alle Freundschaft,Bekanntschaft und Verwandtschaft, die unter Segeln war.

Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich,den sie den Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war,Hein Loop, einer der Verwegenen, der Verwogenen, wiesie an der Wasserkante sagen

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