Anmerkungen zur Transkription:
Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung derPsychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV (1915). S. 1–21.
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Von SIGM. FREUD.
Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig unterrichtet,ohne Distanz von den großen Veränderungen, die sich bereitsvollzogen haben oder zu vollziehen beginnen, und ohneWitterung der sich gestaltenden Zukunft, werden wir selbst irre ander Bedeutung der Eindrücke, die sich uns aufdrängen, und an demWert der Urteile, die wir bilden. Es will uns scheinen, als hättenoch niemals ein Ereignis soviel kostbares Gemeingut der Menschheitzerstört, soviele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlichdas Hohe erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre leidenschaftsloseUnparteilichkeit verloren; ihre aufs tiefste erbitterten Diener suchenihr Waffen zu entnehmen, um einen Beitrag zur Bekämpfung desFeindes zu leisten. Der Anthropologe muß den Gegner für minderwertigund degeneriert erklären, der Psychiater die Diagnose seinerGeistes- oder Seelenstörung verkünden. Aber wahrscheinlich empfindenwir das Böse dieser Zeit unmäßig stark und haben kein Recht, esmit dem Bösen anderer Zeiten zu vergleichen, die wir nicht erlebt haben.
Der Einzelne, der nicht selbst ein Kämpfer und somit einPartikelchen der riesigen Kriegsmaschinerie geworden ist, fühlt sichin seiner Orientierung verwirrt und in seiner Leistungsfähigkeit gehemmt.Ich meine, ihm wird jeder kleine Wink willkommen sein,der es ihm erleichtert, sich wenigstens in seinem eigenen Innern zurechtzufinden.Unter den Momenten, welche das seelische Elend derDaheimgebliebenen verschuldet haben, und deren Bewältigung ihnenso schwierige Aufgaben stellt, möchte ich zwei hervorheben und andieser Stelle behandeln: Die Enttäuschung, die dieser Krieg hervorgerufenhat, und die veränderte Einstellung zum Tode, zu der eruns – wie alle anderen Kriege – nötigt.
Wenn ich von Enttäuschung rede, weiß jedermann sofort, was2damit gemeint ist. Man braucht kein Mitleidsschwärmer zu sein,man kann die biologische und psychologische Notwendigkeit desLeidens für die Ökonomie des Menschenlebens einsehen und darfdoch den Krieg in seinen Mitteln und Zielen verurteilen und dasAufhören der Kriege herbeisehnen. Man sagte sich zwar, die Kriegekönnten nicht aufhören, so lange die Völker unter so verschiedenartigenExistenzbedingungen leben, so lange die Wertungen desEinzellebens bei ihnen weit auseinandergehen, und so lange die Gehässigkeiten,welche sie trennen, so starke seelische Triebkräfte repräsentieren.Man war also darauf vorbereitet, daß Kriege zwischen denprimitiven und den zivilisierten Völkern, zwischen den Menschenrassen,die durch die Hautfarbe voneinander geschieden werden,ja Kriege mit und unter den wenig entwickelten oder verwildertenVölkerindividuen Europas die Menschheit noch durch geraume Zeitin Anspruch nehmen werden. Aber man getraute sich etwas andereszu hoffen. Von den großen weltbeherrschenden Nationen weißerRasse, denen die Führung des Menschengeschlechtes zugefallen ist,die man mit der Pflege weltumspannender Interessen beschäftigtwußte, deren Schöpfungen die technischen Fortschritte in der Beherrschungder Natur wie die künstlerischen und wissenschaftlichenKulturwerte sind, von diesen Völkern hatte man erwartet, daß siees versteh