Kurt Wolff Verlag
Leipzig
Bücherei »Der jüngste Tag« Band 44/45
Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
Kurt Wolff Verlag, Leipzig, Copyright 1917
| Widmung für Karin | 5 |
| Der Satan | 7 |
| Das Lächeln des Geköpften | 26 |
| Der Junitag | 35 |
| Die Kinder des Herrn Hauptmanns | 51 |
| Idylle | 62 |
KARIN, ich widme dir dies Buch. Du weißt sogut wie ich, wie schwer es jetzt ist, von Gefühlenzu sprechen. Oder gar sie mit Papier und Druckerschwärzezu vermählen. Man muß sich akrobatenhaftauf jene zweite Ebene hinaufarbeiten, auf der wiederdie Worte herbeilaufen wie brave Hunde und sich zuFüßen legen. Wo man ruhig »Liebe« und »Sommertag«sagen kann, ohne in den schwärzesten Verdachteiner Lyrik zu kommen, die gewandt zwischen Geld undGott zu vermitteln sucht. Ich habe es vermieden, indiesem Buche allzusehr an den Gefühlssträngen, die mitMilch und Sonnenschein geschmiert sind, zu zerren. Ichwill aber gern arrogant sein und zugestehen, daß ichdie zweite Ebene zum Heimatsort gewählt. Wennauch nur für die Sekunden, in denen ich das schreibe.
Und so darf ich sagen: du warst doch das Einzige,das mich verhindert, mit Ludwig Hunner das Lebenzu würgen und mit dem armen Erotomanen vor Autoszu hüpfen. Denn trotz der Jugend, die mich in ihrenleichtsinnigen Armen schaukelt, hätte ich oft schon genughaben können.
Ich habe blasse Dummheit in der Schlankheit meinerMädchen erkannt, Intrige und Ungewaschenheit in denBlicken der Intelligenz, geschäftigen Unsinn in Florenzund Amsterdam, Unnötigkeiten in der Montblanc-Gruppeund Gestank in Venedig. Und wie nun dieWorte vor mir stehn, ahne ich auch den blonden Bart,wie er sich mir über die Schulter beugt und etwas von»Blasiertheit« murmelt. Doch diese bezahlte Bürgerlichkeitfindet mich in Waffen. Nur Eines läßt mich wankenund weinen: Über allen Augen die Lüge. Siehst du,mein Liebling, man sollte nicht lügen. Gott hat unsschließlich — gegenüber der tausend Nachteile — einenVorteil vor den Tieren geschenkt: wir dürfen reden.Doch das schöne Zueinander wird hin, wenn wir dieInstrumente mißbrauchen, die Mauer der verschiedenenStirnen reckt sich zwischen den Gehirnen auf, die Beweislosigkeitschreckt vor den Überzeugungen zusammen:wir sind allein und dumm. Tiere schmiegen sich —wild oder beruhigt — aneinander, wir müssen derUnehrlichkeit an die Kehle fahren und aus dem Maulder geschändeten Gottheit das Geständnis reißen, waswir für hilflose Hunde sind.
Vor diesem circulus vitiosus aller Menschlichkeiten,d