Fischers Bibliothek
zeitgenössischer Romane

Unterm Rad

Roman von
Hermann Hesse

S. Fischer, Verlag, Berlin

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Erstes Kapitel

Herr Joseph Giebenrath, Zwischenhändler und Agent, zeichnetesich durch keinerlei Vorzüge oder Eigenheiten vorseinen Mitbürgern aus. Er besaß gleich ihnen eine breite,gesunde Figur, eine leidliche kommerzielle Begabung, verbundenmit einer aufrichtigen, herzlichen Verehrung des Geldes,ferner ein kleines Wohnhaus mit Gärtchen, ein Familiengrabauf dem Friedhof, eine etwas aufgeklärte und fadenscheiniggewordene Kirchlichkeit, angemessenen Respekt vor Gott undder Obrigkeit und blinde Unterwürfigkeit gegen die ehernenGebote der bürgerlichen Wohlanständigkeit. Er trank manchenSchoppen, war aber niemals betrunken. Er unternahm nebenhermanche nicht einwandfreie Geschäfte, aber er führte sienie über die Grenzen des formell Erlaubten hinaus. Er schimpfteärmere Leute Hungerleider, reichere Leute Protzen. Er warMitglied des Bürgervereins und beteiligte sich jeden Freitagam Kegelschieben im „Adler“, ferner an jedem Backtag sowie anden Voressen und Metzelsuppen. Er rauchte zur Arbeit billigeZigarren, nach Tisch und Sonntags eine feinere Sorte.

Sein inneres Leben war das des Philisters. Was er etwaan Gemüt besaß, war längst staubig geworden und bestand auswenig mehr als einem traditionellen, barschen Familiensinn,einem Stolz auf seinen eigenen Sohn und einer gelegentlichenSchenklaune gegen Arme. Seine geistigen Fähigkeiten gingennicht über eine angeborene, streng abgegrenzte Schlauheit undRechenkunst hinaus. Seine Lektüre beschränkte sich auf dieZeitung, und um seinen Bedarf an Kunstgenüssen zu decken,war die jährliche Liebhaberaufführung des Bürgervereins undzwischenhinein der Besuch eines Zirkus hinreichend.

Er hätte mit jedem beliebigen Nachbarn Namen und Wohnungvertauschen können, ohne daß irgend etwas anders gewordenwäre. Auch das Tiefste seiner Seele, das schlummerloseMißtrauen gegen jede überlegene Kraft und Persönlichkeitund die instinktive, aus Neid erwachsene Feindseligkeit gegenalles Unalltägliche, Freiere, Feinere, Geistige teilte er mit sämtlichenübrigen Hausvätern der Stadt.

Genug von ihm. Nur ein tiefer Ironiker wäre der Darstellungdieses flachen Lebens und seiner unbewußten Tragikgewachsen. Aber dieser Mann hatte einen einzigen Knaben,und von dem ist zu reden.

Hans Giebenrath war ohne Zweifel ein begabtes Kind;es genügte, ihn anzusehen, wie fein und abgesondert er zwischenden andern herumlief. Das kleine Schwarzwaldnest zeitigtesonst keine solchen Figuren, es war von dort nie ein Menschausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engstehinaus gehabt hätte. Gott weiß, wo der Knabe die ernsthaftenAugen und die gescheite Stirn und das Feine im Gang herhatte. Vielleicht von der Mutter? Sie war seit Jahren totund man hatte zu ihren Lebzeiten nichts Auffallendes an ihrbemerkt, als daß sie ewig kränklich und bekümmert gewesenwar. Der Vater kam nicht in Betracht. Also war wirklich einmalder geheimnisvolle Funke von oben in das alte N

...

BU KİTABI OKUMAK İÇİN ÜYE OLUN VEYA GİRİŞ YAPIN!


Sitemize Üyelik ÜCRETSİZDİR!