In einem Saale des mailändischen Kastelles saß der junge HerzogSforza über den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzlergestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger.
"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vorder Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeitenverschlungen hatten. "Wie viele Schweißtropfen meiner armenhungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhängnisvollen Zahlzu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen,die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren.
Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischenGesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüstebehandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligenGegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichendenHand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttlicheWirt, während sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaftausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittaghaltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alleGebärden eines gesunden Appetites versinnlichte.
Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seinesKanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korbam Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von demneben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fischzwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ. "Die da wenigstensverhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen.
Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinenMunde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf denGegenstand seiner Sorge zurück. "Das ist ein schlechtes Geschäft!Pescara, der große Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dannnoch die Kriegskosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richteteseinen binsenschlanken Körper in die Höhe, "laß mich weg aus deinengeheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zettler! Ich willnichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde,du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: erist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischenSpaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossenvoranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender ließ er sich,die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten undrief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwesterdes Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der großeStaatsmann bist, der zu sein du dir einbildest."
Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelächter aus.
"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Dächernherabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Füße zustehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtumverflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt.Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit denLilien! O die böse Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! DemPapste traut man nicht über den Weg, wed