Anmerkungen zur Transkription:

Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung derPsychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV (1916). S. 317–336.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurdenübernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurdenkorrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet,der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.

317

Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischenArbeit.

Von SIGM. FREUD.

Wenn der Arzt die psychoanalytische Behandlung eines Nervösendurchführt, so ist sein Interesse dabei keineswegs in ersterLinie auf dessen Charakter gerichtet. Er möchte viel eherwissen, was seine Symptome bedeuten, welche Triebregungen sichhinter ihnen verbergen und durch sie befriedigen, und über welcheStationen der geheimnisvolle Weg von jenen Triebwünschen zu diesenSymptomen geführt hat. Aber die Technik, der er folgen muß, nötigtden Arzt bald, seine Wißbegierde vorerst auf andere Objekte zurichten. Er bemerkt, daß seine Forschung durch Widerstände bedrohtwird, die ihm der Kranke entgegensetzt, und darf diese Widerständedem Charakter des Kranken zurechnen. Nun hat dieser Charakterden ersten Anspruch an sein Interesse.

Was sich der Bemühung des Arztes widersetzt, sind nicht immerdie Charakterzüge, zu denen sich der Kranke bekennt, und die ihmvon seiner Umgebung zugesprochen werden. Oft zeigen sich Eigenschaftendes Kranken bis zu ungeahnten Intensitäten gesteigert, von denener nur ein bescheidenes Maß zu besitzen schien, oder es kommenEinstellungen bei ihm zum Vorschein, die sich in anderen Beziehungendes Lebens nicht verraten hatten. Mit der Beschreibung und Zurückführungeiniger von diesen überraschenden Charakterzügen werdensich die nachstehenden Zeilen beschäftigen.

I.
Die Ausnahmen.

Die psychoanalytische Arbeit sieht sich immer wieder vor dieAufgabe gestellt, den Kranken zum Verzicht auf einen naheliegendenund unmittelbaren Lustgewinn zu bewegen. Er soll nicht auf Lust318überhaupt verzichten; das kann man vielleicht keinem Menschen zumuten,und selbst die Religion muß ihre Forderung, irdische Lustfahren zu lassen, mit dem Versprechen begründen, dafür ein ungleichhöheres Maß von wertvollerer Lust in einem Jenseits zu gewähren.Nein, der Kranke soll bloß auf solche Befriedigungen verzichten, deneneine Schädigung unfehlbar nachfolgt, er soll bloß zeitweilig entbehren,nur den unmittelbaren Lustgewinn gegen einen besser gesicherten,wenn auch aufgeschobenen, eintauschen lernen. Oder mit anderenWorten, er soll unter der ärztlichen Leitung jenen Fortschritt vomLustprinzip zum Realitätsprinzip machen, durch welchen sichder reife Mensch vom Kinde scheidet. Bei diesem Erziehungswerkspielt die bessere Einsicht des Arztes kaum eine entscheidende Rolle;er weiß ja in der Regel dem Kranken nichts anderes zu sagen, alswas diesem sein eigener Verstand sagen kann. Aber es ist nichtdasselbe, etwas bei sich zu wissen und dasselbe von anderer Seitezu hören; der Arzt übernimmt die Rolle dieses wirksamen Anderen;er bedient sich des Einflusses, den ein Mensch auf den anderen ausübt.Oder: erinnern wir uns daran, daß es in der Psychoanalyseüblich ist, das Ursprüngliche und Wurzelhafte an Stelle des Abgeleitetenund Gemilderten einzusetzen, und sagen wir, der Arztbedient sich bei seinem Erziehungswerk irgend einer Komponente derLiebe. Er wiederholt bei solcher Nacherziehung wahrscheinlich nurden Vorgang, der überhaupt die erste Erziehung ermöglicht hat.Neben der Lebensnot ist die Liebe die große Erzieherin, und derunfertige Mensch

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