This etext was produced by Michalina Makowska and Michael Pullen

Angela Borgia

Conrad Ferdinand Meyer

Erstes Kapitel

Als die Angetraute des Erben von Ferrara, welche die Tochter desPapstes und Donna Lukrezia genannt war, von ihrem Gatten, Don Alfonsovon Este, im Triumph nach ihrer neuen Residenz geholt wurde, ritt sie,während er den glänzenden Zug anführte, in der Mitte desselben aufeinem schneeweißen Zelter unter einem purpurnen Thronhimmel, den ihrdie Professoren der Universität zu Häupten hielten.

Die würdigen Männer schritten feierlich je vier an einer Seite desBaldachins, neben welchen andere acht gingen, um sie an denvergoldeten Stangen abzulösen und ihrerseits des Dienstes und derEhre teilhaftig zu werden. Hin und wieder erhob der eine und derandere den sinnenden Blick auf die zartgefärbte, lichte Erscheinungim wehenden Goldhaar. Der Professor der Naturgeschichte erforschteund bedachte die seltene Farbe ihrer hellen Augen und fand sieunbestimmbar, während der Professor der Moralwissenschaften, einGreis mit unbestechlichen Falten, sich ernstlich fragte, ob auf demunheimlichen, mit Schlangen gefüllten Hintergrunde einer solchenVergangenheit ein so frohes und sorgenloses Geschöpf eine menschlicheMöglichkeit wäre, oder ob Donna Lukrezia nicht eher ein unbekanntenGesetzen gehorchendes, dämonisches Zwitterding sei. Der dritte, einMathematiker und Astrolog, hielt die Fürstin für ein natürliches Weib,das nur, durch maßlose Verhältnisse und den Einfluß seltsamerKonstellationen aus der Bahn getrieben, unter veränderten Sternen undin neuer Umgebung den Lauf gewöhnlicher Weiblichkeit einhalten werde.

Der vierte, ein Jüngling mit krausem Haar und kühnen Zügen, verzehrtedie ganze schwebende Gestalt vom Nacken bis zur Ferse mit der Flammeseines Blickes. Das war Herkules Strozzi, Professor der Rechte, undtrotz seiner Jugend zugleich der oberste Richter in Ferrara. Wäre esnicht seine Fürstin gewesen, er hätte sie als florentinischerRepublikaner vor sein Tribunal geschleppt, aber gerade dieserstrahlende rechtlose Triumph über Gesetz und Sitte nach soschmählichen Taten und Leiden riß ihn zu bewunderndem Erstaunen hin.

Unangefochten von diesem Gedankengefolge, aber es leicht erratend,klar und klug, wie sie war, verbreitete die junge Triumphatorin Lichtund Glück über den Festzug mit ihrem Lächeln. Doch auch sie hingunter ihrer lieblichen Maske ernsten Betrachtungen nach, denn sieerwog die Entscheidung dieser sie nach Ferrara führenden Stunde,welche die Brücke zwischen ihr und ihrer gräßlichen Vergangenheitzerstörte. Diese würde noch hinter ihr drohen und die Furienhaareschütteln, aber durfte nicht nach ihr greifen, wenn sie selbst sichnicht schaudernd umwandte und zurücksah, und solche Kraft traute siesich zu.

Eine zarte Pflanze, aufwachsend in einem Treibhause der Sünde, einefeine Gestalt in den schamlosen Sälen des Vatikans, den ersten Gattendurch Meineid abschüttelnd, einen anderen von ihrer Brust weg in dasSchwert des furchtbaren und geliebteren Bruders treibend, hatteLukrezia Mühe gehabt, in den Kreuzgängen der Klöster, wohin sie sichmitunter nach der Sitte zu mechanischer Buße zurückzog, dieeinfachsten sittlichen Begriffe wie die Laute einer fremden Sprachesich anzulernen; denn sie waren, ihrer Seele fremd. Höchstensgeschah es, daß ihr einmal ein Buße predigender Mönch, den dann derHeilige Vater zur Strafe in den Tiber werfen ließ, eine plötzlicheRöte in die Wangen oder einen Schauder ins Gebein jagte. Mit der vonihrem unglaublichen Vater ererbten Verjüngungsgabe erhob sie sichjeden Morgen als eine Neue vom Lager, wie nach einem Bade völligenVergessens. Derge

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