OSKAR BAUM
LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
BÜCHEREI DER JÜNGSTE TAG BAND 52
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER • WEIMAR
Der schweigsame kleine Pope schritt mit der Laternevoraus und bezeichnete dem »Herrn Unteroffizier«,der ihm offenbar durch seine Kenntnis des Russischeneine furchtsame, tiefe Ergebenheit abnötigte, dieHäuser, deren Bewohner geflüchtet oder die schon vonden Russen nach Leinen- und sonstigem Verbandzeugdurchsucht waren, aber Richner hatte ihn im Verdacht, daßer so vielleicht nur seine besondern Schützlinge vor ihmbewahren wollte. In den Sälen der Schule und des Gemeindeamtsdrunten lagen die Blutenden von Stunde zuStunde immer dichter beieinander auf ihrem Stroh.
In eines dieser Häuser nun, aus dem er Geräusche zuhören glaubte — es war eines der letzten vereinzelten Gehöfteam Waldrand jenseits des Flusses — drang er trotzdemein, fand jedoch wirklich alle Räume zerstört und verlassenund wollte schon wieder fortgehen, als er am Endeeines Ganges vor einer verschlossenen Tür ein jungesMädchen auf einem Reisekorb sitzen sah, regungslos mitgesenktem Kopf, als ob sie schliefe. Er trat mit dem Lichtvor sie hin. Sie hatte offene Augen, blickte sinnend aufein Stückchen Boden vor sich. Sie merkte immer noch nicht,daß jemand gekommen war, obgleich beide sie anriefenund miteinander laut von ihr sprachen.
Der Pope schien aufrichtig verwundert und geradezubeunruhigt über ihre Anwesenheit, fragte sie, warum siedenn nicht mit den Ihren geflüchtet sei und sich seither hierversteckt halte, daß kein Mensch im Dorf unten eine Ahnunghabe, sie sei da? Er redete nachsichtig sanft wie zueinem kranken Kinde, nannte sie bei ihrem Vornamen,warb geduldig auf alle mögliche Weise um ein Lebenszeichenund hob ihr zuletzt das Kinn, als ihr teilnahmslosesstumm gesenktes Gesicht nicht mehr zu ertragen war.
Sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an, als erwachesie und erkannte ihn wohl nicht gleich. Dann glittein Zittern über ihr Gesicht, sie lächelte verlegen und fragtein ziemlich natürlichem höflichem Ton, was die Herren hierwünschten?
Richner wollte die Dinge aufzählen, die er brauchte,aber der Pope machte ihm ein Zeichen, daß das hier zwecklossei, ging gar nicht auf ihre Frage ein, sondern redeteihr zu, doch nicht hier allein zu bleiben, lieber mit ihm zuguten Freunden zu gehen.
Das Mädchen lächelte nur müde und gequält und sahstumm an ihm vorbei auf den Deutschen. Sie hatte einwenig schrägliegende dunkle Augen unter sehr langenWimpern. Das abgezehrte, von Leiden vergeistigte Gesichtsaß seltsam auf dem bäurisch breiten untersetztenKörper. Die hellen Haarmassen auf dem Kopf schienennoch reicher dadurch, daß sie, nur unordentlich und flüchtigaufgesteckt, über Ohren und Hals hinabfielen.
Mit wachsender rätselhaft angstvoller Spannung durchforschteihr Blick Richners Mienen. Jetzt trat sie auf ihnzu: »Ein fremder guter Mensch!« sagte sie nachdenklichund schüttelte langsam den Kopf, »ein solches Gesicht kannnicht lügen!«
Der Pope faßte sie bei den Händen und wollte sie mitsanfter Gewalt fortführen. Aber ein Zucken wie Ekel liefihr durch den Leib und sie schüttelte das Männchen zornigab. »Wie lange bleiben Sie noch hier?« fragte sie Richner.
»So noch ein bis zwei Wochen vielleicht,« sagte er, verwirrtvon der sonderbar